"Die Europäer sollten darüber nachdenken, wie sie mit uns Erntehelfern umgehen!"
Am 11. Juni 2026 zeigten wir im Kulturhaus Süderelbe in Zusammenarbeit mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA)und dem Weltladen Harburg den Dokumentarfilm „The Pickers“ – Wer erntet unser Obst? und diskutierten anschließend mit Jonas Seufert, Mitglied der Filmcrew.
Ein Bericht von Heike Riemann, KDA

Marktmacht der Handelskonzerne
„Molto, molto basso“ – viel zu wenig erhalte er von den abnehmenden Handelskonzernen, beklagt sich der italienische Produzent von Mandarinen gleich zu Beginn des Filmes und zeigt sein Dilemma auf: Um Anfragen aus dem Handel unverzüglich bedienen zu können („Morgen müssen Sie liefern“), müssen die Früchte bereits geerntet sein, bevor eine Abnahme feststeht. Misslingt ein Kontrakt, bleibt nur die Möglichkeit, das Obst an Verwerter zu geben, die noch weniger zahlen als der europäische Handel, denn Obst ist ein verderbliches Gut. So stecken die Obstplantagenbetreiber im Süden Europas in derselben Zwickmühle wie auch deutsche Obstanbauer*innen, auch wenn sie hier als begünstigte Konkurrent*innen dank scheinbar günstigerer Kostenstruktur wahrgenommen werden. Aufgrund der Konzentration im Einzelhandel (in anderen Europäischen Ländern ist es ähnlich wie in Deutschland) haben die Handelskonzerne eine enorme Verhandlungsmacht und sie kaufen kurzfristig. Der Journalist Jonas Seufert, Teil der Filmcrew von „The Pickers“ und zuständig für diverse Hintergrundrecherchen, berichtete auf der Veranstaltung im Kulturhaus Süderelbe anschaulich von seinen Gesprächen mit den Einkäufer*innen der Handelsunternehmen. So entscheidet zum Beispiel der Blick auf den Wetterbericht mit darüber, aus welchem Land das Obstangebot der kommenden Woche im Supermarkt kommt. Das Kriterium: Wo sind Waren besonders günstig zu erwerben, weil in größerer Anzahl reif? Er berichtete auch vom „Preissog“, der zusätzlich die Preise mindert, denn gelingt es einem Unternehmen, Obst besonders günstig auf- und weiterzuverkaufen, ziehen die anderen Unternehmen nach und fordern ebenfalls einen günstigeren Einkaufspreis. So stehen die Produzenten vor dem Problem, dass sie nicht wissen, ob der Preis, den sie erhalten werden, überhaupt ihre Kosten decken wird.
Prekäre Situation der Erntehelfer*innen
Der Film der Regisseurin Elke Sasse zeigt an Beispielen aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal auf, wie sich das auf die Menschen auswirkt, die als Erntehelfer*innen auf den Plantagen tätig sind und lässt sie dafür selbst zu Wort kommen. Es ist die existentielle Not in Heimatländern wie Mali, Marokko oder Nepal sowie allein die Hoffnung auf einen auskömmlichen Verdienst und damit auf eine Zukunft für sich und die Familie, die dafür sorgen, dass mehr als zwei Millionen migrantische Erntehelfer*innen auf europäischen Feldern arbeiten. Viele von ihnen sind ohne Vertrag oder Mindestlohn. Einige haben keine Aufenthaltspapiere oder hohe Schulden bei Vermittlern. Sie wohnen zum Teil in selbstgebauten Unterkünften, mit Plastikplanen als Dach, ausgestattet mit nicht viel mehr als einer Matratze, fernab der Orte und ohne fließend Wasser. So kommen zu der harten körperlichen Arbeit auf den Feldern erschwerte Bedingungen fürs Leben (und sei es nur essen, schlafen, erholen) hinzu. Kein Wunder, dass einer der Protagonisten im Film den Filmenden zuruft: „Die Europäer sollten darüber nachdenken, wie sie mit uns Erntehelfern umgehen“, und Jonas Seufert berichtet ergänzend von Versuchen der Selbstorganisation von Erntehelfer*innen, sich gegen solche Bedingungen zu wehren.
Einsatz der Verbraucher*innen
Doch insgesamt bleibt es bei Versuchen, und eine wirkliche Veränderung der Arbeit- und Lebensbedingungen ist nicht zu erwarten. Auch die Lage der Obstproduzent*innen ist zu schwach. So gilt es als Mitmensch, Verbraucher*in und Gesellschaft, sich für Menschenwürde und Menschenrechte stark zu machen. Der Film greift dafür das Beispiel des Projektes SOS Rosarno auf. Hier werden Orangen angebaut und auf direktem Wege an Endverbraucher*innen verkauft. Durch den dadurch besser kalkulierbaren und höheren Erlös können die Arbeiter*innen fair bezahlt und im „Haus der Würde“ (Dambe So) in Kalabrien untergebracht werden. Auch die Filmcrew wurde aktiv. Sie gründete die Kampagne „We want a fair Pick“ – „Für eine gerechte Ernte“. Die Kampagne fordert 10 Garantien wie die Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, die konsequente Vermeidung von Arbeitsausbeutung und Zwangsarbeit, aber auch verständliche Arbeitsverträge für alle, gesunde Bedingungen am Arbeitsplatz und überhaupt Zugang zu Gesundheitsvorsorge sowie angemessene Unterkünfte.
Auch die Forderung nach sozialer Konditionalität wurde mit aufgegriffen. Dahinter verbirgt sich die Verknüpfung von der Einhaltung sozialer und rechtlicher Standards mit der Gewährung öffentlicher Subventionen. Seit 2025 gibt es eine derartige Regelung für EU-Agrarfördermaßnahmen. Allein: Die Einhaltung muss nachgewiesen bzw. kontrolliert werden. Wie gut dieses Instrument greift, ist noch offen.
Doch neben der Politik können auch Verbraucher*innen sich aktiv für bessere Bedingungen einsetzen. Dafür stellten sich auf der Veranstaltung die beiden Mitveranstalter Weltladen Harburg und die Initiative Neugraben Fairändern gesondert vor. Bereits seit vielen Jahren zeigen beide Organisationen auf, sich für mehr Gerechtigkeit zu engagieren ist ohne Überforderung Einzelner möglich, zeigt Ergebnisse und fördert Gemeinschaft.
